Augsburger Zeitung

AUGSBURGER ZEITUNG

21.03.2006:

Von Franz Lerchenmüller

"Tanze Samba mit mir"

"Salvador de Bahia gilt als die schwärzeste Stadt Brasiliens – und als seine aufregendste

Bis zur Hüfte im tropisch warmen Wasser, in der Hand einen beschlagenen Caipirinha und vom Ufer dröhnen die Klänge eines Samba-Reggae – ja, es gibt ihn, diesen Traum vom paradiesischen Dasein namens „Strandleben“. Von den palmgedeckten Kneipen zieht der Duft von gegrillten Scampi herüber, Kerle, neben denen der schöne Adonis zum Provinzgigolo verblasst, lassen ölglänzende Rücken bräunen, junge Frauen flanieren in Gruppen über den sandigen Laufsteg. Die Fitzelchen Mode, die sie dabei vorführen, sind nicht der Rede wert. Der sensationelle Rest umso mehr.

51 Kilometer Strand hat Salvador, und sie gehören zu den schönsten Brasiliens. Wer das ganze Glück süßen, sonnensatten Nichtstuns einmal ausgekostet haben will, muss dort ein paar Cocktails geschlürft und mit dunklen Schönheiten geflirtet haben. Wer es allerdings dabei belässt, begeht einen unverzeihlichen Fehler. Er lernt Salvador nicht kennen, die turbulente Zweieinhalb-Millionen-Stadt, die so vieles war und ist: Hauptstadt der portugiesischen Kolonie, wichtigster Zuckerumschlagplatz der Welt, einst größer Sklavenhafen Südamerikas, barockes Weltkulturerbe, „schwärzeste Stadt“ Brasiliens – und seine aufregendste wahrscheinlich auch. Die Stadt, deren innerstes Prinzip das der Mischung ist:

der Religionen, der Rassen, der Kunst. Und der Architektur. Da ducken sich Kolonialvillen mit abblätternden Fassaden zwischen hermetisch gesicherte Appartementblocks, gewachsene Armenviertel, „invasiones“ genannt, klammern sich verzweifelt zwischen die Hügel, bis ein neuer Einkaufskomplex aus Glas sie hinwegfegt. Alt neben Neu, Hütten zwischen Palästen, viel Kleine-Leute-Armut neben wenig Super- Reichtum – Salvador lebt mit Gegensätzen. Im Stadtteil Vermelho, wo die Fischer direkt am Hafen ihr Senknetz auswerfen, hat Iemanjá, die Göttin des Meeres, ihren Sitz. In blauem Kleid, geschmückt von einem goldenen Stern, thront sie zwischen bunten Kerzen, Puppen und welkenden Margeritenstöcken.

Ja, sie ähnelt der heiligen Maria, dem „Meerstern“. Schließlich gab es Zeiten, als die schwarzen Sklaven den Göttern ihres Candomblé, der Religionen, die sie aus Westafrika mitgebracht hatten, die Namen christlicher Heiliger gaben, um sie für ihre weißen Herrn unkenntlich zu machen. Seitdem kennt der Glaube der Menschen viele Adressen: Wer heute Nacht, überwältigt von Xango, dem Donnergott, in Trance besessen zuckt und zittert, kniet morgen schon vor dem heiligen Franziskus und bittet inständig um Beistand bei der Suche nach einem neuen Job. Gemischt hält besser! Das „Who’s who“ des Candomblé findet sich im afro-brasilianischen Museum. Der Bildhauer Carybé hat die 27 wichtigsten Götter in Zedernholztafeln geschlagen: Da ist Exu, der Zwiespältige, symbolisiert durch einen Hahn. Oxóssi, der Jagdgott, kommt mit einem Schwein daher, Oxumare trägt den Regenbogen. So einfach die Kultstätten des Candomblé, so prunkvoll viele der Kirchen. Vor allem die Franziskanerkirche erinnert an ein opulent ausgestattetes sakrales Theater, eine schimmernde Barockhöhle aus Gold. Neben europäischen Baumeistern waren auch schwarze Künstler am Bau beteiligt: Manche der Putten haben erstaunlich dicke Lippen, manche der weiblichen Ebenholzfiguren recken unkatholisch bloße Brüste ins fromme Halbdunkel. Die Kirche liegt mitten im restaurierten historischen Viertel Pelourinho. Jorge Amado lebte hier, der literarische Nationalheld Brasiliens, der in seinen Romanen der bunten Menschenmischung der Stadt, ihren Huren, Seeleuten und kleinen Ganoven ein Denkmal setzte – Mulatten, Schwarzen und blauäugigen Blonden gleichermaßen. Der Pelourinho, farbenprächtig restauriert, präsentiert das ansehnliche Gesicht eines Kolonialstädtchens. Cafés mit buntem Stuck und moderne Souvenirläden reihen sich aneinander, Elektroleitungen baumeln wie Spaghetti an den Wänden, aus kleinen Restaurants duftet es nach Moqueca, dem würzigen Eintopf aus Krabben, Maismehl und Dende-Öl. Und auch der Luxus hat seinen Platz: Soeben wurde das mit viel Geld restaurierte Karmeliterkloster Convento do Carmo als Edelhotel eröffnet. Eisverkäufer ziehen mit ihren gelben Wägelchen um die Häuser, renommierte Fotokünstler wie namenlose Pinsler buhlen mit gut gemachten oder gut gemeinten Werken um Aufmerksamkeit, eine „Touristinfo Candomblé“ verkauft Tickets für „originale“ Candomblé-Sitzungen. Paul Simon hat hier ein Video aufgenommen, Michael Jackson auch, und die Musik endet nie. Schon früh am Nachmittag sammeln sich Jungs mit Trommeln. Dienstag ist Ausgehnacht in Salvador. Da vibriert die Stadt in der Vielfalt der Rhythmen – und vor Lachen, Erotik und Lebenslust auch. Auf dem Terreiro de Jesus mit seinem alten Brunnen halten schöne Damen Ausschau nach vermögenden Begleitern. Vom Belvedere streift der Blick über das alte Handelsviertel in der Unterstadt. Elegante Paläste verfallen dort, ganze Straßenzüge verrotten: Die Restaurierung ist beschlossene Sache, doch Spekulationen zögern den Beginn hinaus. Der 72 Meter hohe Aufzug bringt die Besucher zum Mercado Modelo hinunter. Capoeira-Kämpfer in Weiß wirbeln durch die Luft und stoppen Füße und Ellbogen centimetergenau vor dem Körper des Gegners. Ein „Vendedor de Souvenir“ hält selbst gebastelte Mobiles mit Vögeln aus Federn parat. Das grüne T-Shirt weist ihn als „offiziellen“ Verkäufer aus. Er hat einen Basiskurs in gutem Benehmen absolviert und wird gegen ein paar Reales von der Stadt krankenversichert – eine gute Idee der Verwaltung, Touristen wie Verkäufern das Leben zu erleichtern. Allerdings muss er sich gegen harte Konkurrenz behaupten. Holzmasken, geklöppelte Tücher und Trommeln stapeln sich in den Gängen des Marktes, an den Zwischenwänden hängen noch und noch mehr Bilder in Sonnengelb, Maisgrün und Himmelblau. Zwischen bunten Hängematten und T-Shirts schöpfen Baianas, alte Frauen in traditionellen Spitzenblusen und weißen Kopftüchern, Kokosgebäck aus brodelndem Fett. Hinter der Halle aber haben die in die Jahre gekommenen Hippies von Arembepé ihre Strände aufgebaut: Sie verkaufen hauptsächlich Masken. Bastarde aus Luzifer, Ogún und Alien, Ausgeburten afrikanischer Alpträume, christlicher Höllenfantasien und Hollywoods wirrster Monstervisionen – die Mischung macht’s in Salvador.

Veranstalter: Spezialist für Brasilien-Reisen in Deutschland sind:

Gateway Brazil, Steinenbergstr. 23, 72764

Reutlingen, Tel. 07121/879 689, Fax: 07121/879 688, E-Mail: giselle@gateway-brazil.de"

Quelle: Augsburger Zeitung vom 21.03.06

 

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