10.04.2006
FOCUS Magazine
Von Peter Hinze
Strand satt!
Im Fußball sind sie schon Weltmeister. Nun wollen die Brasilianer auch im Tourismus an die internationale Spitze – trotz Potenzial kein einfacher Weg
Am frühen Morgen gibt sich die Stadt unschuldig. Die 2,5-Millionen-Metropole im Nordosten Brasiliens erwacht träge. Straßenfeger ziehen durch die schmalen, steilen Gassen des Pelourinho; der modernde Geruch von Fäulnis liegt über der historischen Altstadt, einer Mischung aus Weltkulturerbe, gigantischer Freilichtbühne und hoffnungslosem Sozialprojekt. Doch Vorsicht! Salvador da Bahia beherrscht es perfekt, die Sinne zu vernebeln, denn nach Einbruch der Dunkelheit zelebriert Salvador allabendlich ein Finale furioso; kocht die afrikanische Seele der Stadt. Trommlerbands eifern unermüdlich Vorbildern wie Olodum nach, die ihren Ruhm Auftritten mit Paul Simon und Michael Jackson verdanken. Ihr dumpfer Rhythmus hallt über das Kopfsteinpflaster, das sich für wenige Stunden zur spektakulären Bühne des zumeist von Armut und Überlebenskampf geprägten Alltags wandelt. Früher war die Nachbarschaft unter sich. Heute bevölkern Touristen schummerige Bars und trendige Restaurants. Spekulanten treiben die Immobilienpreise fast monatlich auf neue Höchstmarken. Der Pelourinho ist „in“. Nun lassen sich die Rituale des afrikanisch geprägten Candomblé-Kults überall im Reisebüro an der Ecke buchen; kein Fremder, der nicht die typischen bunten Glücksbringer „Fitinhas“ ums Handgelenk trägt.Wirtschaftlicher Aufschwung. Lange galt „Nordeste“, der brasilianische Nordosten, als die Armenkammer, in der vor allem Zuckerrohr und Gewalt wuchsen. Doch im Oktober 2002 eroberte ein linker Gewerkschafter namens Luiz Inácio Lula da Silva – als Sohn armer Arbeiter im nordöstlichen Bundesstaat Pernambuco geboren – den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Brasilia. Mittlerweile muss Lula ums politische Überleben fürchten, doch am neuen Selbstbewusstsein kann ebenso wie am wirtschaftlichen Aufschwung des Landes kaum jemand rütteln.
Die Börse in São Paulo stieg um fast 200 Prozent. Brasiliens Mittelstand prosperiert – und gibt sein Urlaubsgeld bevorzugt im eigenen Lande aus. Vorbei die Zeiten, in denen Uruguay oder Argentinien als Hip-Ziele galten. Vorbei die Zeiten, in denen europäische Pauschalbucher billig per Charterjet einflogen und die Strände zwischen Salvador und Fortaleza bevölkerten.Nun gilt das Geschäft mit den Fremden als die Zukunftshoffnung. Nach Rio de Janeiro zählt die Region um Salvador bereits zur zweitwichtigsten brasilianischen Urlauberdestination, die gigantisches, weil natürliches Potenzial besitzt: Hier erstrecken sich die schönsten Abschnitte der insgesamt knapp 7400 Kilometer Küste – und die meisten Gestade sind palmengesäumt und garantiert unverbaut. Internationale Location-Scouts stecken im Auftrag global operierender Reisekonzerne ihre Claims im Akkord ab. Für sie trägt die Zukunft zwei Namen: Estrada do Coco und Linha Verde. Keine zwei Stunden nördlich von Salvador soll der knapp 200 Kilometer lange Küstenabschnitt als imageträchtiges Sinnbild für die vermeintlich perfekte Kombination von Luxus und Natur dienen. In riesigen, gut bewachten Freizeitparks mit 5-Sterne-Hotels wie „Costa do Sauípe“, wo standardisierte Zimmer und normgefaltete Handtücher am Pool den Ferienalltag reglementieren; oder in Großprojekten wie dem „Iberostar“-Hotel, das nach Genehmigungsstreitigkeiten im Sommer eröffnen will, soll die globale Touristenkarawane in den nächsten Jahren luxuriös gastieren. Ein ambitioniertes Unterfangen, doch seinen wahren Charme zeigt die Region erst abseits auf dem Reißbrett entworfener Urbanisationen. Wie etwa in Praia do Forte.In Hundertschaften erobern Großstädter das „Projeto Tamar“, das sich der Aufzucht von Meeresschildkröten widmet. Die Strände des Fischerorts, zu Unrecht oft als „Mallorca Brasiliens“ tituliert, sind im Sommer prall gefüllt und bilden nur so die perfekte Szenerie für den Laufsteg der einheimischen Eitelkeiten. Europäer mag der Trubel irritieren. Ein Sommertrip ohne ihn ist für Brasilianer jedoch unvorstellbar. Ende der Goldgräberstimmung. Fünfsprachig wirbt der „Brazil Property Service“ in der Ziegelgepflasterten Fußgängerzone für Grundstücke und Apartments „ab 50 000 US-Dollar“. Interessenten gibt es reichlich. Doch wer sein Geld jetzt noch investiert, kauft auf dem Höchststand, warnen die Einheimischen. Zu Recht, denn die Entdecker von einst – eine Mischung aus Hippies, Surfern und Öko-Freaks – sind weitergezogen.
Ihr neues Dorado heißt nun: Imbassaí, knapp 20 Autominuten entfernt. Hier geben sich die „Barracas“ am Strand noch einfach. Ihre Besitzer servieren frittierten Fisch, frische Kokosnüsse. Bis zum Sonnenuntergang fließen „Bohemia“-Bier und Caipirinha im Schatten der Sonnenschirme. Später kehren Großfamilien zurück zu rustikalen „Pousadas“, die ihnen – weit verstreut unter riesigen Palmenhainen – für einen langen, heißen Sommer günstiges Quartier geben. Nach Mitternacht ist das Strandvolk in der Bar „Temperança“ in der Minderheit. Vor allem Einheimische schlagen sich den roten Staub der ungepflasterten Hauptstraße von den Schuhen. Brasilianischer Jazz mischt sich mit dem Klang der Zikaden. Sternenvoller Himmel wölbt sich über dem Atlantischen Ozean. Wie lange die ursprüngliche Seite des brasilianischen Sommerurlaubs unter dem Ansturm der Moderne überlebt, ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit – wie auch in Mangue Seco, am Ende der Linha Verde, der „grünen Küste“. Noch tuckern kleine Fischerboote von Pontal über den Vaza-Barris, an dessen Mündung schneeweiße Wanderdünen flimmern. Bei Ebbe gibt das Meer zudem einen schmalen Küstenstreifen frei. Auf alten Strand-„Buggys“ schaffen Urlauber dann Proviant und Hängematten herbei, entlang der nächsten 40 Kilometer Sandpiste sind selbst einfache Unterkünfte rar. So schützt sich einer der spektakulärsten Strände Brasiliens mit rustikaler Einfachheit gegen die Eroberung. Der Weg ist das Ziel. An der Grenze zum Bundesstaat Alagoas geht das Zukunftsprojekt Linha Verde in die alltägliche Gegenwart über. Auf der Nationalstraße BR 101 zieht die Schlange schwer beladener Lastwagen unermüdlich Richtung Norden. Autowracks säumen die Asphaltpiste, die schmucklose Dörfer durchschneidet, in denen „Lombadas“ (Bodenwellen) das Leben in engen Grenzen halten. Auf der bis zu 5000 Kilometer langen Hetze zwischen Süd und Nord bleibt den Truckern kaum Zeit. Meist reicht es gerade für einen Teller Fleisch, bedeckt mit Manjok-Mehl, in einer der schmucklosen Churrascarias im Dunstkreis staubiger Rastplätze. Unablässig flimmern die Episoden der Telenovelas über die Bildschirme. Noch einen tiefschwarzen „Cafezinho“, dann geht der Kampf gegen die Uhr weiter. Die Hauptstadt Sergipes, Aracaju, bleibt rechts liegen – auch für Touristen, die erst 150 Kilometer nördlich an die Küste zurückkehren. Weite Palmenplantagen säumen den Weg nach Coruripe. In der untergehenden Sonne gleicht die Hauptstraße einer perfekten Westernkulisse.
Unterhalb des mächtigen Leuchtturms hängt der süßliche Duft von Zuckerrohrschnaps und Limetten in der Luft. Am nahen Riff brechen sich Wellen. Strandhändler bringen frisch gebratenen Fisch. Der Nordosten von seiner schönsten Seite, wo nur das Sich-treiben-Lassen zählt. Also muss Maceió in Alagoas, die „sicherste Hauptstadt Brasiliens“, warten. Noch einen Tag. Mindestens.
Gateway Brazil, 72764 Reutlingen (Tel. 0 71 21/87 96 89, www.gateway-brazil.de), offeriert ein gutes Programm mit zuverlässiger Betreuung (u. a. „In zehn Tagen von Salvador entlang der Küste bis nach Recife“).